Das nimmst du mit
- Rechne damit, dass auch anonymisierte Bewerbungen Bilder im Kopf erzeugen. Dein Gehirn füllt Lücken mit eigenen Annahmen. ▶ 15:12
- Erkenne an, dass alle unbewusste Vorurteile haben. Das ist der erste und wichtigste Schritt. ▶ 23:45
- Prüf Absagen stichprobenartig: Beruht die Entscheidung auf harten Kriterien oder auf Bauchgefühl? ▶ 26:17
- Lass eine Kollegin oder einen Kollegen denselben Stapel sichten und vergleicht, wo ihr unterschiedlich entschieden habt. ▶ 26:43
- Frag dich bei jedem komischen Gefühl im Gespräch, woher es kommt, bevor du entscheidest. ▶ 28:32
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Kostenlos beitretenAlles eine Frage der Perspektive
Der Vortrag startet mit dem Kleid, das das Internet gespalten hat. Die einen sehen Weiß und Gold, die anderen Blau und Schwarz, und alle haben recht. Es ist eine Frage der Perspektive, im Bild eine Frage der Beleuchtung. Perspektive heißt: Wir sehen und deuten das Leben auf Basis eigener Erfahrungen, Überzeugungen und unseres Kontexts. Das beeinflusst Gefühle und Entscheidungen.
Für das Recruiting ist das heikel. HR gilt als menschzentriert, und viele sagen gern, sie hätten nach Bauchgefühl entschieden. Doch dieses Bauchgefühl ist subjektiv. Ob es zu einer guten Entscheidung für die Stelle führt, weißt du nicht.
Warum dein Gehirn Abkürzungen nimmt
Koch erklärt das mit Daniel Kahnemans zwei Systemen. System 1 arbeitet unbewusst und intuitiv, geprägt von Elternhaus und Umfeld. Wer an einer Ampel den Knopf drückt, denkt nicht darüber nach. Das spart Energie und war für Menschen lange überlebenswichtig. System 2 ist bewusst und logisch, aber anstrengend. Deshalb sind wir meist in System 1 unterwegs, mit all unseren Annahmen, Glaubenssätzen und Stereotypen, etwa dass Mütter nur Teilzeit können.
Ein Foto einer Frau mit Kopftuch, Kopfhörern und Laptop zeigt, wie unterschiedlich Menschen dasselbe Bild lesen: als Mutter, als Muslima, als Gen Z, als selbstbestimmt oder unterdrückt. Unser Gehirn will Antworten. Fehlen Fakten, greift es auf Gespeichertes zurück und steckt Menschen in Schubladen. Schlimm wird das, sobald wir für andere entscheiden, etwa dass eine Mutter im Job weniger liefert. Dann geht es nicht mehr um Meinungen, sondern um Diskriminierung. Und eine einmal getroffene Entscheidung verteidigen wir, ohne es zu merken.
„Dein Bauchgefühl sollte nicht darüber entscheiden, wer eine Rolle bekommt oder wer keine Rolle bekommt.“
Unconscious Bias im Recruiting: Anonymisieren reicht nicht
Ein häufiges Argument lautet: Wir haben anonymisiert, also haben wir keinen Bias mehr. Das Publikum liest deshalb einen anonymisierten Lebenslauf und soll sich die Person vorstellen. Die einen sehen eine Frau, andere einen Mann. Ebrahimnejad gibt offen zu, bei anonymen Lebensläufen über Studienort und -zeit das Alter herauszufinden. Die Auflösung: Der Lebenslauf passt auf beide Vortragenden. Mit Fotos daneben entstehen sofort unterschiedliche Urteile, bis hin zum vermeintlichen Culture Fit.
Auch das Anschreiben erzeugt Bilder, denn darin erzählen Bewerbende Geschichten, die Emotionen auslösen. Ein klassischer Lebenslauf zeigt dagegen Daten und Fakten zu Kompetenzen. Unter Zeitdruck verstärkt sich das. Recruiter:innen screenen schnell, sortieren lange Lebensläufe aus und sind stolz, nach wenigen Sekunden zu wissen, ob jemand passt. So stellen Teams oft nicht die Besten ein, sondern die, die ins eigene Bild passen und dem Hiring Manager gefallen.
Ebrahimnejad erzählt aus der eigenen Bewerbung um ein erstes Praktikum im Recruiting. Wegen Name und Geburtsort baute das Unternehmen ein zusätzliches Telefoninterview ein, um zu prüfen, ob Deutsch gesprochen wird. Dabei stand im Lebenslauf eine Grundschule in Berlin.
Der erste Schritt: bei dir selbst anfangen
Die schlechte Nachricht: Unbewusste Vorurteile haben wir alle, als Ergebnis unserer Sozialisation. Schämen musst du dich dafür nicht, wohl aber dafür, sie unreflektiert wirken zu lassen. Die gute Nachricht: Du kannst etwas tun. Erkenne an, dass deine Sicht auf die Welt nicht die einzige ist. Dann kannst du hinterfragen, was du siehst.
Im Alltag heißt das: Nimm dir stichprobenartig aussortierte und weitergeleitete Bewerbungen vor und frag, worauf deine Annahmen beruhen. Lass Kolleginnen oder Kollegen dieselben Unterlagen sichten und vergleicht die Ergebnisse. Das kann unangenehm sein, bringt aber viel Selbsterkenntnis.
Neue Tools, mehr Budget oder KI-Anonymisierung helfen erst, wenn du diesen Schritt gegangen bist. Spätestens im Gespräch kommen die Vorurteile sonst zurück. Frag dich, warum du ein komisches Gefühl hast, wenn eine Bewerberin Hijab trägt oder ein Bewerber für eine Juniorstelle über 60 ist. Erst danach gelingt faktenbasiertes Hiring.
Häufige Fragen
Verhindern anonymisierte Bewerbungen Unconscious Bias?
Nicht vollständig. Auch beim anonymen Lebenslauf entsteht ein Bild im Kopf, und spätestens im Gespräch wirken Vorurteile wieder, wenn du sie nicht reflektierst.
Wie kann ich Vorurteile im Recruiting reduzieren?
Erkenne zuerst an, dass du sie hast. Prüf dann Entscheidungen stichprobenartig auf harte Kriterien und lass Kolleg:innen dieselben Bewerbungen sichten.
Speaker:innen
Ebrahimnejad
Love HR Hate Racism
Koch
Love HR Hate Racism




