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EF25Festival-Session · Recruiting & Active Sourcing

Blue Collar Recruiting mit Haltung: Wie aus Jobs wieder Berufe werden

Blue Collar Recruiting scheitert oft nicht am Beruf, sondern am Job: Viele Menschen lieben ihr Handwerk und sind trotzdem unzufrieden. Yesica Ríos zeigt auf der Green Stage des EMBRACE Festival 2025 am Beispiel von LKW-Fahrer:innen, was diese Lücke kostet und wie Arbeitgeber sie mit Haltung, Wertschätzung und den richtigen Fragen im Interview schließen.

  • Mit Yesica Ríos
  • Format Festival-Session · EMBRACE Festival 2025 · Green Stage
  • Datum 25.–26.06.2025
Blue Collar Recruiting mit Haltung: Wie aus Jobs wieder Berufe werdenVideo für Mitglieder · kostenlos

Das nimmst du mit

  1. Frag im ersten Interview, warum sich jemand für diesen Beruf entschieden hat. Die Antwort zeigt dir, was die Person wirklich antreibt. ▶ 10:31
  2. Prüf, ob du fair bezahlst: Benchmarke die Gehaltswünsche auch für nicht-akademische Berufe, denn faire Bezahlung ist dort nicht selbstverständlich. ▶ 11:46
  3. Zeig Respekt schon im Gespräch. Ein Interview, das nur nach dem Führerschein fragt, ist für die Retention ein Horror. ▶ 11:10
  4. Kenn deine Werte und behandle niemanden als Arbeitskraft zweiter Klasse. Prüf schon im ersten Interview, ob Werte und Kultur zusammenpassen. ▶ 13:28
  5. Ermögliche Momente, in denen die Berufung spürbar wird, etwa einen Grill für die Pause am Rastplatz oder Weiterbildung für Technikbegeisterte. ▶ 14:22

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Blue Collar Recruiting: Beruf geliebt, Job ungeliebt

Yesica Ríos ist in Mexiko geboren, lebt seit 12 Jahren in Deutschland und hat viele Jahre bei Volkswagen gearbeitet. Danach hat Ríos eine Plattform mitgegründet, die LKW-Fahrer:innen mit Arbeitgebern zusammenbringt. Der Grund: Es gab viele Lösungen für Akademiker:innen, aber wenige für Blue-Collar-Berufe. Heute sind laut Ríos zwei von drei LKW-Fahrer:innen in Deutschland dort registriert, jeden Monat entstehen über 15 000 Matches. Für die Keynote wollte Ríos bewusst kein Produkt pitchen, sondern erzählen, was das Team im Markt beobachtet.

Dabei fiel Ríos ein Widerspruch auf. Posts über Jobs ernten bittere Kommentare: schlecht bezahlt, schlechte Arbeitsbedingungen, Knochenjob. Posts über den Beruf dagegen lösen Begeisterung aus, „LKW fahren aus Leidenschaft“. Die Erklärung liefert der Duden: Ein Job ist eine vorübergehende Beschäftigung gegen Bezahlung. Ein Beruf, vom lateinischen Wort für Berufung, ist eine bewusste Entscheidung fürs Leben.

Was Unzufriedenheit im Job kostet

Bei jeder Registrierung fragt die Plattform nach der Zufriedenheit im Job. 49 oder fast 50% sagen, sie sind unzufrieden oder sehr unzufrieden. Das hat Folgen: Laut einem jährlichen Gesundheitsreport sind LKW-Fahrer:innen 33,5 Tage im Jahr krankgemeldet. Der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 23 Tagen. Das ist mehr als ein Monat Ausfall. Ríos rechnet es auf die Kosten um: Wenn Personalkosten einen großen Teil der Gesamtkosten ausmachen, wird fehlende Zufriedenheit schnell teuer.

Das betrifft nicht nur Logistik. Laut einer Studie von 2019, die Ríos zitiert, arbeiten mehr als 65% nicht in akademischen Berufen. Trotzdem drehen sich viele HR-Lösungen um White-Collar-Jobs. Ríos' Botschaft: Wer Recruiting, Kommunikation und Führung nur nach akademischen Maßstäben ausrichtet, verliert die Mehrheit seines Teams. Denk dabei auch an Reinigungskräfte oder die Menschen, die Waren liefern.

„Wir müssen aufhören Menschen nach ihren Abschlüssen zu bewerten und anfangen sie nach ihrem Beitrag zu sehen …“

Yesica Ríos · im Video ab 15:37

Wie Arbeitgeber die Lücke zwischen Job und Beruf schließen

Ríos kennt das aus dem eigenen Alltag. Auch im Gründungsteam gibt es Aufgaben, die nicht toll sind. Aber es gibt Momente, etwa beim Arbeiten mit Zahlen oder beim Entwickeln von Produkten, in denen sich die Lücke zwischen Job und Beruf schließt. Genau solche Momente brauchen auch Menschen in Frontline-Jobs.

Niemand lebt jeden Tag seinen Traum. Im akademischen Bereich können viele ihre Arbeit mitgestalten. In Frontline-Jobs liegt es stärker am Arbeitgeber, die Lücke zwischen Job und Berufung zu schließen. Der erste Schritt: die Menschen kennen. Wir haben meist Empathie für Berufe, die wir selbst ausgeübt haben, aber nicht für andere. Frag deshalb, warum sich jemand für diesen Beruf entschieden hat. LKW-Fahrer:innen nennen etwa das Fahren, das Alleinsein und das Gefühl, etwas für die Gesellschaft zu leisten.

Wichtig ist den Fahrer:innen zuerst faire Bezahlung, dann Lob und Anerkennung, ein respektvoller Umgang, freie Tage, Flexibilität sowie Unterstützung bei Problemen. Die Plattform zeigt Arbeitgebern deshalb die Gehaltswünsche der Zielgruppe. Wie stark Anerkennung wirkt, zeigt ein Employer-Branding-Post nach dem Motto „Sie fahren, wenn andere schlafen. Sie liefern, was andere brauchen.“ Der Post bekam organisch 11000 Likes.

Recruiting mit Haltung: Werte, Kultur und sinnstiftende Momente

Werte und Kultur sind das A und O. Viele Unternehmen wissen, wie sie mit Studierten umgehen, aber nicht mit Menschen ohne Studium. Kenn deine Werte und prüf im ersten Interview, ob es passt.

Denk außerdem daran, warum du dich selbst für deinen Beruf entschieden hast. Jede und jeder hat so einen Moment. Schaff als Arbeitgeber solche Momente, in denen die Berufung spürbar wird: einen Grill für die Pause am Rastplatz als Teil der Ausrüstung oder Weiterbildung für alle, die gern mit Technik und großen Maschinen arbeiten. Die Jobs bleiben hart, stundenlanger Stau inklusive. Aber solche Momente machen den Unterschied.

Zum Schluss blickt Ríos auf den Arbeitsmarkt: Durch Akademisierung und KI wird es mehr Angebot an Akademiker:innen geben, während Facharbeiter:innen fehlen. Zeit, beide Zielgruppen ernst zu nehmen und Menschen nach ihrem Beitrag zu sehen statt nach ihrem Abschluss.

Häufige Fragen

Wie finde ich LKW-Fahrer und andere Frontline-Fachkräfte?

Yesica Ríos rät, die Menschen und ihre Berufswahl zu kennen, fair zu bezahlen und schon im Interview Respekt und Anerkennung zu zeigen. Ein Gespräch, das nur nach dem Führerschein fragt, schadet der Bindung.

Was ist der Unterschied zwischen Job und Beruf?

Laut Duden ist ein Job eine vorübergehende Beschäftigung gegen Bezahlung. Ein Beruf ist eine bewusste Entscheidung, abgeleitet von Berufung. Viele lieben ihren Beruf, sind aber mit dem Job unzufrieden.

Speaker

Yesica Ríos

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