Das nimmst du mit
- Mach Frauen den Einstieg leichter: mit flexibleren Arbeitszeiten, Homeoffice und Unterstützung bei der Kinderbetreuung. ▶ 8:30
- Übersetz Sicherheitsvorschriften in mehrere Sprachen oder stell Führungskräfte ein, die die Sprachen des Teams sprechen. ▶ 10:17
- Prüf dein Bewerbermanagement-System: Automatische Filter sortieren oft Lebensläufe mit einer Lücke von ein, zwei Jahren aus. ▶ 12:04
- Bilde gemischte Teams aus Älteren und Jüngeren und biete Maßnahmen zur Gesundheitsförderung an. ▶ 14:44
- Öffne Stellen für den Quereinstieg: Fast 40 Prozent aller Angestellten können sich laut Polay einen Wechsel vorstellen. ▶ 17:08
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Kostenlos beitretenAus Fachkräftemangel wird Arbeitskräftemangel
Polay beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Jobbörsen und sagt klar: Es fehlen längst nicht mehr nur Fachkräfte, sondern Arbeitskräfte. Bis 2036 kommt ein Drittel aller Erwerbstätigen ins Rentenalter, in Zahlen 12,9 Millionen. Der häufigste Geburtstag in diesem Jahr war der 60., denn vor 60 Jahren wurden 1,35 Millionen Menschen geboren. Seit 1972 sterben mehr Menschen, als geboren werden.
Schon heute scheiden pro Jahr ca. 300.000 Menschen aus dem Erwerbsleben aus, Tendenz steigend. Dazu wandern gut ausgebildete Fachkräfte ab, etwa in die Schweiz oder in die USA. Hochrechnungen beziffern den Verlust für die Wirtschaft auf 74 Milliarden Euro. 1962 kamen auf eine Person im Rentenalter noch 6 Beschäftigte, vor drei Jahren waren es nur noch 2. Betroffen sind Schulen, Pflege und Handwerk ebenso wie die Wirtschaft.
Warum KI und Strukturwandel die Lücke nicht schließen
In Pflege, Schule oder Handwerk wird künstliche Intelligenz höchstens unterstützen. In vielen administrativen Berufen greift sie dagegen sicher. Auch der Strukturwandel hilft nur begrenzt: Große Unternehmen entlassen Beschäftigte, doch ein einfaches Verschieben von einem Betrieb zum anderen schließt die Lücke am Arbeitsmarkt nicht.
Polay setzt auf ein Umdenken auf beiden Seiten. Arbeitgeber und Beschäftigte müssen offen sein für Weiterentwicklung und neue Qualifikationen. Der Kopf im Sand ist keine Option. Der Appell: nicht warten, sondern jetzt die stille Reserve am Arbeitsmarkt aktivieren.
„Nicht erst warten, sondern die sogenannte stille Reserve zu aktivieren auf dem Arbeitsmarkt, solange es sie noch gibt.“
Stille Reserve aktivieren: Frauen und internationale Fachkräfte
Zur stillen Reserve zählen laut Polay vor allem Frauen mit 56 Prozent, Ausländerinnen und Ausländer mit knapp 30 Prozent und Erwerbstätige im fortgeschrittenen Alter. Bei Frauen liegt Deutschland im Mittelfeld, die skandinavischen Länder sind mit anderen Arbeitsmodellen weit voraus. Hebel sind flexiblere Arbeitszeiten, Homeoffice und Kinderbetreuung. Mit 400.000 zusätzlichen Kita-Plätzen kämen knapp 60.000 Frauen in die volle Erwerbstätigkeit.
Bei internationalen Fachkräften und Geflüchteten sind es oft einfache Barrieren. Unternehmen sind bereit, Geflüchtete einzustellen, aber die Sicherheitsvorschriften werden nicht verstanden. Übersetz sie, oder setz Führungskräfte ein, die die Sprachen sprechen. Ein Logistikzentrum mit körperlich harter Arbeit kann so zur Einstiegschance werden, in der Menschen die Sprache nach und nach lernen.
Weitere Hürden: Viele Geflüchtete wissen nicht, wo sie sich bewerben sollen, und automatisierte Bewerbermanagement-Systeme sortieren Lebensläufe mit Lücken aus. Polay rät, die eigenen Prozesse auf administrative Barrieren zu prüfen und in Gesprächen auch mit Dolmetschern zu arbeiten.
Ältere und Quereinsteiger: Erfahrung zurückholen
Die Bereitschaft Älterer, weiterzuarbeiten, ist gestiegen: 2012 waren es 47 Prozent, vor zwei Jahren 63 Prozent. Für die stille Reserve nennt Polay ein Potenzial von 2,5 Millionen Menschen. Polay fragt, warum Ältere teils geringer bezahlt werden als Jüngere, obwohl sie mehr Erfahrung mitbringen. Gemischte Teams und Gesundheitsförderung machen dich für diese Gruppe attraktiv.
Warum wollen Ältere wieder mehr arbeiten? In der Fragerunde nennt Polay mehrere Gründe: Alles wird teurer, viele Frauen im heutigen Rentenalter haben lange nicht in das Rentensystem eingezahlt, und die Menschen sind gesünder, leben länger und wollen schlicht weiterarbeiten.
Wie viel Erfahrung wert ist, zeigt die Voyager-Sonde. Als sie nur noch empfing und nicht mehr sendete, verstand niemand mehr die damals installierten Funktionen. Die Lösung: Die früheren Entwickler wurden reaktiviert und mit Jüngeren ins Team geholt, die Sonde sendet wieder.
Quereinstieg und dein erster Schritt gegen den Personalmangel
Auch der Quereinstieg bietet Potenzial. Fast 40 Prozent aller Angestellten können sich vorstellen, etwas anderes zu machen als ihren erlernten Beruf. Bei Indeed bieten über 140.000 Jobs einen Quereinstieg an.
Polays Empfehlung ist schlicht: Schau hin, wo du Potenziale für dein Unternehmen gewinnen kannst, um die eigene Produktivität zu halten. Fang beim eigenen Prozess an. Welche Filter sortieren Lebensläufe mit Lücken aus? Welche Unterlagen gibt es nur auf Deutsch? Welche Stellen setzen eine Ausbildung voraus, die eigentlich nicht nötig ist? Jede beantwortete Frage öffnet deine Stellen für eine weitere Gruppe.
Häufige Fragen
Wer gehört zur stillen Reserve am Arbeitsmarkt?
Laut Ulrike Polay vor allem Frauen mit 56 Prozent, Ausländerinnen und Ausländer mit knapp 30 Prozent sowie Erwerbstätige im fortgeschrittenen Alter.
Wie kann ich Geflüchtete leichter einstellen?
Bau Sprachbarrieren ab, etwa durch übersetzte Sicherheitsvorschriften oder Führungskräfte, die die Sprachen sprechen. Prüf außerdem, ob dein Bewerbermanagement-System Lebensläufe mit Lücken automatisch aussortiert.
Speaker
Ulrike Polay
Indeed




