Das nimmst du mit
- Teilzeit ist selten Faulheit: 36 Prozent der Teilzeitkräfte betreuen Angehörige, bei Frauen in Teilzeit sind es 42 Prozent wegen Care-Arbeit. ▶ 4:53
- Mehr Köpfe, kaum mehr Stunden: Seit der Wende gibt es 19 Prozent mehr Erwerbstätige, aber nur 2 Prozent mehr Arbeitsstunden. ▶ 9:49
- Unterschätz Ältere nicht: 53 Prozent der Befragten würden in der Theorie über das Rentenalter hinaus weiterarbeiten wollen und können. ▶ 8:28
- Plan mit dem demografischen Wandel: Bis 2035 verlassen je nach Szenario netto mindestens 1000 Arbeitskräfte pro Tag den Arbeitsmarkt. ▶ 12:06
- Gib repetitive Aufgaben an KI ab und setz Menschen auf produktivere Stellen. ▶ 15:43
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Kostenlos beitretenArbeitszeit in Deutschland: die Zahlen von heute
In Deutschland gibt es 46,1 Millionen Erwerbstätige. Im Schnitt arbeiten sie 30,4 Stunden pro Woche, in Vollzeit 38 Stunden, in Teilzeit im Mittel 18 Stunden. Die Teilzeitquote liegt bei fast 40 Prozent. Zusammen leistet die Volkswirtschaft pro Jahr 61,4 Milliarden Arbeitsstunden. Stahl stützt sich vor allem auf Zahlen des IAB, für den europäischen Vergleich auf Eurostat.
Bei der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit liegt Deutschland in Europa in den Flop 3. Bei der Teilzeitquote steht Deutschland nach den Niederlanden und Österreich in den Top 3. Faul ist Deutschland deshalb nicht. Deutschland hat eine relativ hohe Erwerbstätigenquote. In Ländern mit sehr wenig Teilzeit liegt die mittlere Wochenarbeitszeit automatisch höher. Stahl nennt als Beispiel Bulgarien mit einer Teilzeitquote von 1,5 Prozent.
Warum so viele Menschen in Teilzeit arbeiten
12 Prozent der Teilzeitkräfte sind nebenbei in Aus- oder Weiterbildung. 5 Prozent, also jede zwanzigste Person, haben keine Vollzeitstelle gefunden, ein weiterer Teil arbeitet aus Krankheits- oder Behinderungsgründen weniger. Die größte Gruppe sind 36 Prozent, die sich um Angehörige kümmern, also um Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder. Erst danach kommt die freiwillige Teilzeit.
Nach Geschlecht wird der Unterschied deutlich. Bei Männern in Teilzeit ist bei einem Viertel Aus- oder Weiterbildung der entscheidende Grund. Bei Frauen in Teilzeit sind es 42 Prozent, also mehr als zwei von fünf, die wegen Care-Arbeit gar nicht Vollzeit arbeiten können. Für Stahl ist das die Zahl, die am härtesten ins Auge springt.
„Und damit wir unser Wohlstandsniveau überhaupt nur halten können, müssen wir produktiver werden, weil ansonsten geht die Gleichung nicht auf.“
Mehr Erwerbstätige, kaum mehr Arbeitsstunden
Seit der Wende ist die Zahl der Erwerbstätigen um 19 Prozent gestiegen. Vor allem zwei Gruppen arbeiten heute häufiger: Frauen, deren Erwerbstätigenquote von 69 auf 78 Prozent stieg, und Ältere. Bei den 55- bis 59-Jährigen stieg die Quote von 54 auf 70 Prozent. Bei den 60- bis 64-Jährigen arbeitete kurz nach der Jahrtausendwende etwa jede sechste Person, heute mehr als jede zweite. In der Gruppe 65 plus sind es 8 Prozent.
Gleichzeitig hat sich die Teilzeitquote seit der Wende etwa verdoppelt. Die geleisteten Arbeitsstunden haben sich nur um 2 Prozent verändert. Stahl betont, dass dahinter auch Präferenzen stehen können.
Eine XING-Befragung unter Menschen kurz vor oder im Rentenalter zeigt Potenzial: 44 Prozent wollen nicht weiterarbeiten, 18 Prozent sind körperlich nicht mehr dazu in der Lage. 53 Prozent würden aber zumindest in der Theorie über das Rentenalter hinaus arbeiten wollen und können, nicht unbedingt in Vollzeit und unter passenden Rahmenbedingungen.
Demografischer Wandel: Das Erwerbspotenzial ist am Höhepunkt
Laut allen Simulationen steht Deutschland aktuell auf dem Höchststand des Erwerbspersonenpotenzials. Die Wirtschaftsflaute ist zyklisch, die Nachfrage nach Arbeitskräften wird wieder anziehen. Der demografische Wandel schlägt dagegen spätestens ab 2027 massiv durch. Je nach Szenario verlassen bis 2035 netto mindestens 1000 Arbeitskräfte pro Tag den Arbeitsmarkt, 4 bis 8 Millionen Menschen werden fehlen. Die Betroffenen sind heute alle schon geboren.
KI wird die Arbeit verändern, viele Tätigkeiten lassen sich teilautomatisieren. Stahl sieht das nicht als Bedrohung, weil so viele Hände fehlen. Die Stundenproduktivität ist in Deutschland zuletzt im Mittel nur um rund 1 Prozent gestiegen. Sinkt die Zahl der Köpfe und steigen die Wochenstunden nicht, muss die Produktivität wachsen, damit der Wohlstand bleibt.
Vier Hebel für Arbeitszeit und Produktivität in Deutschland
Erstens: in Kinderbetreuung und Pflege investieren und die Jobs dort vernünftig bezahlen. Zweitens: Babyboomern das Weiterarbeiten leicht machen und gegen Altersdiskriminierung vorgehen. Laut einer weiteren Studie, die Stahl nennt, hat mehr als jede vierte Person in Deutschland schon Diskriminierung wegen des Alters am Arbeitsplatz wahrgenommen. Drittens: fähige Kräfte aus dem Ausland gewinnen und schnell integrieren, etwa mit KI gegen Sprachbarrieren. Viertens: repetitive Aufgaben an KI abgeben.
Für HR heißt das: Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Angebote für Ältere sind echte Hebel gegen den Fachkräftemangel. Stahl bleibt Optimist. Gelingt es, die Angst vor Veränderung abzulegen, kann Deutschland die Wochenarbeitszeit sogar weiter senken, bei gleichbleibendem Wohlstand. Ein erster Schritt: Frag deine Teilzeitkräfte, ob sie gern mehr arbeiten wollen und was sie daran hindert.
Häufige Fragen
Warum ist die Teilzeitquote in Deutschland so hoch?
Laut Stahl kümmern sich 36 Prozent der Teilzeitkräfte um Angehörige, 12 Prozent sind in Aus- oder Weiterbildung und 5 Prozent finden keine Vollzeitstelle. Bei Frauen in Teilzeit sind 42 Prozent wegen Care-Arbeit gebunden.
Arbeiten die Deutschen zu wenig?
Pro Kopf liegt die Wochenarbeitszeit im EU-Vergleich in den Flop 3, weil viele in Teilzeit arbeiten. Gleichzeitig ist die Zahl der Erwerbstätigen seit der Wende um 19 Prozent gestiegen.
Wie viele Arbeitskräfte fehlen durch den demografischen Wandel?
Je nach Szenario verlassen bis 2035 netto mindestens 1000 Arbeitskräfte pro Tag den Arbeitsmarkt. Insgesamt fehlen laut Stahl 4 bis 8 Millionen Menschen.
Speaker
Dr. Julian Stahl




