Das nimmst du mit
- Mach aus dem Assessment Center einen Kennenlerntag mit Azubis aus dem ersten Lehrjahr. Dann entscheiden beide Seiten. ▶ 16:39
- Mach jede:n Azubi beim Wechsel ins zweite Lehrjahr zum Buddy für eine neue Person, schon ab dem Preboarding. ▶ 18:20
- Sei fair und echt: Bezahlung konkret und angemessen, Betriebsklima so beschrieben, wie es wirklich ist. ▶ 14:10
- Lass Fehler wirklich zu. Wer Azubis machen lässt, bekommt oft ein anderes, kreatives Ergebnis. ▶ 21:37
- Streich Tests, die nur die Bewerberzahl reduzieren, und stell das Kennenlernen vor das Anschreiben. ▶ 19:05
Sieh dir die ganze Session an, mit Steffens Chamäleon-Geschichte und allen Ideen von Kennenlerntag bis Buddy, und lies im Transkript nach. Kostenlos für Mitglieder.
Kostenlos beitretenAzubis gewinnen: Nicht die Jugend, die Betriebe brauchen ein Update
Steffen startet mit Klischees: Karriere ohne Arbeit, Feedback in Watte, keine Belastbarkeit. Die These dahinter ist das Gegenteil. Ausbildung hat kein Nachwuchsproblem, sondern viele Betriebe haben ein Update-Problem. Manche Unternehmen haben sich in den letzten Jahren bewegt, andere kaum.
Zur Illustration erzählt Steffen die eigene Geschichte. Um 2006 und 2007, in der Abiturphase, saß Steffen lieber am Rechner und baute ein Schweizer Taschenmesser in 3D nach, statt sich um die Berufsorientierung zu kümmern. Die Eltern suchten den Ausbildungsplatz, achteten auf Sicherheit und Interessen und bewarben sich stellvertretend bei einem IT-Dienstleister im öffentlichen Dienst. Bei vielen Azubis, die Steffen heute begleitet, läuft das ähnlich.
Im Vorstellungsgespräch saß eine lange Reihe von Gremien, dann kam die Frage, welches Tier man gern wäre. Die Antwort „Chamäleon“ irritierte. Das Bild bleibt: Viele Auswahlverfahren suchen das Chamäleon im Löwenkostüm.
Wo der Bewerbungsprozess Azubis verliert
Steffen zeichnet den typischen Ablauf nach. Bewerbende landen in einem Online-Bewerbermanagement und tippen den Lebenslauf noch einmal ab, wenn das System ihn nicht sauber ausliest, obwohl junge Menschen vor allem mit dem Handy unterwegs sind. Dann warten sie, etwa weil eine interne Bewerbungsfrist erst im Februar endet, obwohl sie sich im Oktober beworben haben.
Danach folgt ein Online-Assessment, bei dem alle unter dem Durchschnitt der Kohorte rausfallen. Wer weiterkommt, macht zur Kontrolle noch einen Paper-Pencil-Test. In Steffens Anfängen dauerte der vier Stunden. Erst dann kommt das persönliche Gespräch. Die Frage, die Steffen stellt: Wer muss sich hier eigentlich bewegen? Auch öffentliche Unternehmen wie die Messe Berlin können diese Strukturen ändern.
„Kennenlernen heißt halt auch, ich kann mich umentscheiden. Assessment heißt, das Unternehmen entscheidet, ob ich genommen werde. Das ist ein ganz anderer Modus …“
Was Gen Z und Alpha in der Ausbildung suchen
Neben der Gen Z steht die Generation Alpha schon vor der Tür. Sie ist mit Touchscreens groß geworden. Eine geringe Aufmerksamkeitsspanne sieht Steffen nicht, eher eine hohe Selektionsfähigkeit: Wenn etwas berührt, stoppen junge Menschen. Aufgewachsen im Dauerkrisenmodus suchen viele Sicherheit und Sinn, nicht zwingend die große Karriere.
Fünf Punkte zählen für Steffen. Die Bezahlung muss nicht top sein, aber konkret und fair. Das Betriebsklima muss echt und menschlich sein, eine schicke Stellenanzeige hilft nicht, wenn der Alltag anders aussieht. Flexibilität im Sinne von Work-Life-Integration, etwa für Arzttermine. Mentoring auf Augenhöhe. Und Sinn: Welche Rolle hast du neben dem Kaffeekochen? Kickertisch und Obstkorb sind für Steffen abgedroschene Floskeln.
Kennenlerntag statt Assessment Center, Buddy statt Kontrolle
Die Messe Berlin hat das Auswahlverfahren zum virtuellen Kennenlerntag umgebaut. Azubis aus dem ersten Lehrjahr sind dabei, das Unternehmen stellt sich vor. Der Effekt war groß: Bewerbende spüren, dass auch sie entscheiden. Azubis werden so zu Corporate Influencern, ganz ohne TikTok-Stars, und begleiten Bewerbende vom Kennenlerntag bis zum Interview. Dazu gehört Realismus: Wo viel Sonne ist, ist auch Schatten.
Beim Buddy-Matching wird jede:r Azubi beim Wechsel ins zweite Lehrjahr eins zu eins Buddy für eine neue Person, schon im Preboarding vor dem ersten Arbeitstag. Ausbildende sind für echte Augenhöhe zu weit weg. Online-Tests, die nur die Zahl der Bewerbungen reduzieren, hält Steffen für sinnlos. Auch die Aussagekraft von Anschreiben bezweifelt Steffen, wenn ChatGPT oder die Eltern sie schreiben.
Kultur vor Karriere: Was Azubis bindet
Steffen plädiert für Raum statt Rahmen. Sag ehrlich, was Azubis bewegen können und was dazugehört, im Veranstaltungsgeschäft auch mal Kaffee kochen. Duz Azubis nur, wenn ihr das wirklich lebt, sonst sorgt es für Irritation. Und gib Vertrauen statt Kontrolle: Dürfen Azubis wirklich Fehler machen? An der Messe Berlin organisieren sie zum Beispiel die Azubifahrt selbst.
Eine Statistik auf Steffens Folie nennt 81% als Anteil derer, die Unternehmen wegen der Kultur verlassen, nicht wegen der Aufgaben. Die Probezeit ist für beide Seiten da. Dein erster Schritt: Geh deinen Auswahlprozess mit den Augen einer Bewerberin oder eines Bewerbers durch und streich, was nur aussortiert, statt kennenzulernen. Denn Ausbildung ist heute vor allem Beziehungsarbeit.
Häufige Fragen
Was wollen Azubis heute von Arbeitgebern?
Steffen nennt eine konkrete, faire Bezahlung, ein echtes Betriebsklima, Flexibilität, Mentoring auf Augenhöhe und Sinn im Ausbildungsplatz. Kickertisch und Obstkorb ziehen nicht mehr.
Wie funktioniert ein Buddy-Programm für Azubis?
An der Messe Berlin wird jede:r Azubi beim Wechsel ins zweite Lehrjahr eins zu eins Buddy für eine neue Person. Die Termine starten schon im Preboarding vor dem ersten Arbeitstag.
Brauchen Azubis ein Anschreiben?
Steffen bezweifelt die Aussagekraft, weil Anschreiben oft von ChatGPT oder den Eltern stammen. Besser ist es, das Kennenlernen in den Fokus zu stellen.
Speaker
Alexander Steffen
Leitung Ausbildung & HR Partner Digitalisierung – Messe Berlin




