Das nimmst du mit
- Prüf jede Stufe der Bewerbung. Bei 90 % von 30 Erstunterzeichnern der Charta der Vielfalt fand Knabenreich Totalblocker. ▶ 18:29
- Teste selbst: Geh mit der Tab-Taste durch die Navigation und mach am Handy einen Zoomtest bis zum Bewerbungsformular. ▶ 29:49
- Nimm das Formular zuerst dran. Ein nicht zugängliches Pflichtfeld wie die Datenschutzerklärung blockiert die ganze Bewerbung. ▶ 20:04
- Bau ohne Medienbrüche: Karriereseite, Portal, Anzeige und Formular gehören aus einem Guss, wie in einem guten Onlineshop. ▶ 33:04
- Warte nicht auf das BFSG. Das AGG gilt seit 2006, eine unbedienbare Bewerbung kann schon heute mittelbare Diskriminierung sein. ▶ 13:29
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Kostenlos beitretenTeilhabe beginnt beim ersten Klick
Ute Neher nennt das Thema eine Herzensangelegenheit. Alle reden über Inklusion, die Realität sieht oft anders aus. Neher vergleicht das mit einem Restaurant: Finden alle den Eingang, können sie die Speisekarte lesen, passen sie an den Tisch? Teilhabe heißt, von vornherein alle Menschen mitzudenken. Für Neher geht es dabei nicht zuerst um Gesetze, sondern um ein Menschenrecht.
Henner Knabenreich beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Karriereseiten. Laut Knabenreich lassen Unternehmen 8 Millionen Menschen und mehr gar nicht erst an der Candidate Journey teilhaben. Digitale Barrierefreiheit heißt: Eine Website ist für alle wahrnehmbar, bedienbar und verständlich. Das betrifft Menschen mit Sehbehinderung, die Screenreader und gute Kontraste brauchen, Menschen mit motorischen Einschränkungen, die per Tastatur navigieren, Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Menschen mit Hörbehinderung.
Die jährliche Analyse von WebAIM zeigt die häufigsten Fehler auf Websites: Niedriger Farbkontrast liegt mit 79,1 % vorn, dann folgen fehlende Alt-Texte, fehlende Formularlabels, leere Links und leere Buttons.
BFSG und AGG: Was für deine Karriereseite gilt
Ab dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, die Umsetzung des European Accessibility Act. Ob die Karriereseite darunter fällt, ist nicht eindeutig. Ist die Unternehmenswebsite betroffen, etwa im E-Commerce, in der Telekommunikation oder bei Banken, gilt das auch für die Karriereseite als Teil davon. Bei einer eigenen Microsite ist die Lage unklar, selbst die Bundesfachstelle für Barrierefreiheit legt sich nicht fest.
Sich hinter dieser Unsicherheit zu verstecken, hält Knabenreich für einen fatalen Fehler. Das AGG gibt es seit 2006, Bewerbende sind darin Beschäftigten gleichgestellt. Macht eine unbedienbare Karriereseite oder ein unzugängliches Formular die Bewerbung faktisch unmöglich, liegt eine mittelbare Diskriminierung vor. Vorsicht bei Anbietern, die mit Druck Overlay-Plugins verkaufen: Barrierefrei wird eine Seite dadurch nur vermeintlich.
„Aber bitte anfangen, weil sonst wird's nicht besser werden. Und im Moment ist Barrierefreiheit in Deutschland etwas, was jeder schreit, aber kaum einer macht.“
Totalblocker bei den Vorreitern der Vielfalt
Knabenreich hat die 30 Erstunterzeichner der Charta der Vielfalt untersucht, also Unternehmen, die sich seit fast 20 Jahren zu Vielfalt bekennen. Geprüft hat Knabenreich die ganze Strecke: Karriereseite, Stellenportal, Stellenanzeige und Bewerbungsformular. Gezählt wurden vor allem Totalblocker, also Fehler, die eine Bewerbung unmöglich machen. Ein fehlender Alt-Text gehört nicht dazu, ein Bewerben-Button mit zu wenig Kontrast schon.
Das Ergebnis: Alle haben Barrieren, 90 % haben Totalblocker, keine Website ist BFSG-konform. Auf der Karriereseite sind 43 % betroffen, etwa weil sich die Ansicht nicht vergrößern lässt oder Navigationsbuttons für Screenreader unlesbar sind. Im Stellenportal sind Filter und Jobsuche oft nicht bedienbar. Bei 23 % der Stellenanzeigen ist der Bewerben-Button nicht erreichbar oder lesbar. Die größte Hürde ist das Bewerbungsformular, etwa wenn ein Pflichtfeld wie die Datenschutzerklärung nicht zugänglich ist.
Warum sich Barrierefreiheit für dein Employer Branding lohnt
Teilhabe ist ein Menschenrecht, das ist das stärkste Argument. Dazu kommt Employer Branding. Man kann nicht nicht Employer branden, sagt Knabenreich. Nach der Signaltheorie wirken unbewusste, negative Signale wie eine Jobsuche, die nicht funktioniert, stärker als bewusst gesetzte. Wer Vielfalt verspricht, muss liefern.
Barrierefreiheit verbessert außerdem die Usability für alle. Funktioniert der ganze Bewerbungsprozess, kommen mehr Bewerbungen und Stellen lassen sich schneller besetzen. Du bist nach AGG abgesichert und für weitere Regeln gerüstet. Und Google bevorzugt Websites, die von der Struktur her barrierefrei programmiert sind.
Barrierefreie Karriereseite: So startest du
Für den Selbsttest brauchst du kein Budget. Geh am Desktop mit der Tab-Taste durch die Navigation und prüf, ob die Reihenfolge logisch ist. Mach am Handy einen Zoomtest von der Karriereseite bis zum Formular. Tools wie WAVE, Lighthouse in den Entwicklertools des Browsers und axe geben eine erste Orientierung. WAVE erfasst aber nur einen Bruchteil der Fehler, und auch ein grüner Lighthouse-Score von 90 heißt nicht, dass alles passt.
Knabenreich empfiehlt eine Bewerbungsarchitektur aus einem Guss, ohne Medienbrüche wie den Sprung von der Karriereseite in ein fremdes ATS-Portal. In einem Kundenprojekt brachte erst der Test mit einem Screenreader die letzten Barrieren ans Licht, etwa eine Tastaturfalle im Filter. Neher ergänzt Karriereseiten in leichter Sprache, wie es der öffentliche Sektor teils vormacht. Nehers Appell: Fang in kleinen Schritten an, statt auf den großen Wurf zu warten.
Häufige Fragen
Gilt das BFSG für Karriereseiten?
Das ist nicht eindeutig. Ist die Unternehmenswebsite betroffen, etwa im E-Commerce oder bei Banken, gilt das auch für die Karriereseite als Teil davon. Unabhängig davon verbietet das AGG seit 2006, Bewerbende wegen einer Behinderung auszuschließen.
Wie teste ich meine Karriereseite auf Barrierefreiheit?
Navigier mit der Tab-Taste durch die Seite und mach am Handy einen Zoomtest bis zum Bewerbungsformular. Tools wie WAVE, Lighthouse und axe geben eine erste Orientierung.
Speaker:innen
Ute Neher
Henner Knabenreich




